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MELT!
Live @ Ferropolis Gräfenhainichen | Fr 16 - So 18-07-2010
Das MELT! Festival ist das hübscheste. Das hat es in den letzten dreizehn Jahren zur Genüge bewiesen. Dabei spielen der Veranstaltungsort - die Halbinsel Ferropolis, ein ehemaliges Braunkohle-Abbaugebiet - und das Line-Up, das jedes Jahr das feinste zusammenführt, was die Musiklandschaft derzeit zu bieten hat, natürlich eine übergeordnete Rolle. Doch das Geheimnis des Festivals, der Grund, weswegen es alljährlich 20.000 Musikfans aus aller Welt an einem Ort versammelt, liegt in der Liebe zum Detail: Discokugeln und Glitzer. Wortfetzen LEDs. Der Einsatz von Shuttle-Bussen, um die Füße der Tanzwütigen zu schonen. Mit Lasern "verzierte" Baukräne. Liebevoll gestaltete MELT!-Gimmicks. Oder der "Sleeplessfloor", der als Metapher für durchtanzte Nächte längst zum geflügelten Wort avancierte. 2010 wurde aber die leise Ahnung bestätigt, die all die vergangenen Jahre aufkam, wenn während des chronisch verregneten Dreitagefestivals die Sonne mal wieder schüchtern durch die Wolken blitzte: Seine vollkommene Schönheit entfaltet das MELT! bei gutem Wetter.
TAG 1, FREITAG 16.07.2010
Beinahe 35°C. Die Sonne brennt vom Himmel. Schon am MELT!-Parkplatz wird man unfreiwillig in schwarze Staubwolken gehüllt. Nach einer Stunde sind die ersten bösen Sonnenbrände zu verzeichnen. Man ist dankbar, dass die MELT!-Acts, im Vergleich zu anderen Festivals, relativ spät am Abend beginnen, so dass man bis Sonnenuntergang kinnhoch im angenehm temperierten Ferropolis-Seewasser stehen und Bier trinken kann. Den entfernten Bässen von THOMALLA, OLIVER KOLETZKI, PANTHA DU PRINCE und Co lauschen viele also noch aus sicherer Entfernung. Dabei hält der MELT!-Freitag doch die geballte Highlights-Ladung bereit: BONAPARTE, SHOUT OUT LOUDS, TWO DOOR CINEMA CLUB, JA, PANIK, TOCOTRONIC oder ARCHIE BRONSON OUTFIT folgen so komprimiert aufeinander oder spielen gar parallel, dass der ein oder andere sicher unter panischem Zeitdruck Bühnen-Hopping betrieb. Eines der wenigen Mankos des MELT!: Bei zu vielen guten Bands und DJs auf insgesamt sechs Bühnen ist es schier unmöglich, jedes Must-See mitzunehmen. Spätestens zu JÓNSI, dem Frontman der isländischen SIGUR RÓS, entspannt sich die Lage. Kaum jemand dürfte Gänsehaut-verschont geblieben sein, während Jon Birgissons mythisch-sphärische Solomusik zusammen mit Seifenblasen und dem giftigen Licht der grünen MELT!-Laser um einen herumschwirrt. Überall kann man beobachten, wie Menschen apathisch-versonnen im Takt wiegen. Die Stimmung wird leider kurz darauf von der Londoner Hipster-Kombo THE XX totgespielt. Mangelnde musikalische Souveränität sollte hier wohl durch übertriebene Bässe wettgemacht werden. Das Gegenteil ist der Fall, weswegen so mancher spätestens nach dem zweiten Song zu YEASAYER ins brütend heiße INTRO-Zelt abwandert, wo man sich zusammen mit den Brooklynern in den Kreislaufzusammenbruch tanzen kann.  Um 1:15 Uhr, zu einer Uhrzeit also, bei der auf anderen Festivals bereits die ersten Alkoholleichen den Straßenrand säumen und die letzten 16-Jährigen ihre Zelte vollkotzen, erreicht das MELT! mit den britischen FOALS seinen vorläufig freitäglichen Höhepunkt. Spätestens als ANDREW MEARS ekstatisch auf seiner Trommel den Beat zu Electric Bloom anschlägt, kocht die Masse. No, this is not a marching band. Zumindest für die Sleepless Floor-Verweigerer findet die Nacht ihren Ausklang mit dem monumentalen DJ Set von BOOKA SHADE. Bester deutscher House zur gerade aufgehenden Sonne...nicht zum ersten Mal in den letzten 12 Stunden beginnt man sich zu fragen: Kann das Leben eigentlich noch schöner sein?
TAG 2, SAMSTAG 17.07.2010
Die letzten dürften noch nicht in ihren Zelten schlummern, als ein sanfter Regen die Luft über Ferropolis ein wenig abkühlt. Doch schon gegen 10:00 Uhr ist die Hitze auf den Campingplätzen kaum mehr erträglich. Die meisten schleppen sich mit Schlafsäcken und Luftmatratzen zum Seeufer, um dort weiterzuschlummern. Doch selbst im Schatten ist nicht wirklich an Schlaf zu denken. Im Zehn-Minuten-Takt muss man in den See fliehen, um sich eine vorübergehende Abkühlung zu holen. Doch an Beschweren denkt keiner. Bis zu FRIENDLY FIRES um halb elf ist sowieso auch der letzte wieder fit, um zusammen mit den Briten "On Board" zu klettern und auf der Bench Gemini Stage mit ihnen in die nächste Runde zu gehen. Die großartigen MIIKE SNOW tragen zur Eröffnung ihrer Show weiße Masken, deren Aussage verborgen bleibt, was der Qualität ihres Auftritts jedoch keinerlei Abbruch tut. Der Ami DJ SHADOW befriedigt ab 2:00 Uhr auf der Main Stage die Bass-Gelüste aller Elektro Anhänger. Doch das wahre Highlight des Samstags ist überraschenderweise MODERAT. Die ersten Bässe jagen elektrifizierte Schauer über die Menge, die sich daraufhin in atemlose Trance tanzt. Der deepe, schimmernde Sound der MODESELEKTOR- und APPARAT-Fusion kribbelt im Körper, die Begeisterung ist beinahe fassbar. Kann das Leben eigentlich noch schöner sein?
TAG 3, SONNTAG 18.07.2010
Zu aller Erleichterung bleibt der Himmel erstmal bewölkt. In den Zelten ist es sogar möglich bis gegen Mittag nicht den qualvollen Erstickungstod zu sterben. Das letzte Grillfleisch kann verzehrt werden, die ersten Zelte werden abgebrochen, die ein oder andere Bier- oder Raviolidose wird dem Nachbar überlassen. Zum ersten Mal gibt es in diesem Jahr auch Müllsäcke zu füllen: Das berüchtigte Müllpfand hat 2010 auch das MELT! erreicht. Lästig findet das nicht wirklich jemand, zumal es für die flinksten Müllsammler als kleine Belohnung MELT!-Jutebeutel abzusahnen gibt. Die Zeit drängt. Die meisten zieht es zu den KINGS OF CONVENIENCE, die frenetisch gefeiert werden, obwohl sie, wie Erlend Øye bemerkt, doch gar keine Elektroband sind. Inzwischen scheint auch die Sonne wieder durch das Gewächshausdach der Gemini Stage. Zusätzlich heizen John und Ossi, ihres Zeichens JOHNOSSI, danach auf der Main Stage gehörig ein. Nichts anderes ist man von den beiden gewöhnt. Für die größte Überraschung sorgen am letzten MELT!-Tag SLAGSMALSKLUBBEN. Die verrückten Beats der schwedischen Disco-Anhänger klingen ähnlich wie ihr Bandname für deutsche Ohren: Vollkommen durchgeknallt, an Trash nicht zu überbieten. Doch die Masse findet's gut und ist nicht zu bremsen. Überall wippen Marienkäfer-Regenschirme, es wird mit riesigen, neonfarbigen Wassergewehren geballert und -natürlich- ekstatisch getanzt. Bei vielen werden dafür die letzten Energiereserven dieses Wochenendes mobilisiert Dagegen nimmt man GOLDFRAPP im Anschluss beinahe verhalten auf. Die alternde Dame vollführt zwar in ihrem schwarzen Glamour-Fetzengewand lang-einstudierte Tanzbewegungen zwischen zwei Ventilatoren, kann aber das Publikum nicht zu Begeisterungsstürmen hinreißen. MASSIVE ATTACK machen alles wieder gut. Der herrlich wummernde Bass der britischen Trip Hopper schafft die passende Atmosphäre für die zeitgleich auf den Monitoren im Hintergrund ablaufenden Zahlen und Statistiken zum aktuellen Weltgeschehen. Ein politisches Statement der Veranstalter, das in diesem Rahmen hervorragend in Szene gesetzt wird und zum Nachdenken anregt. Zumal der Auftritt von MASSIVE ATTACK für den ein oder anderen den Abschluss des 13. MELT! Festivals bildet. Den Abschluss eines rundum perfekten Festivals, das mit Bass und Sonne einen kleinen Ausbruch aus dem Alltag ermöglicht hat. Wir blicken noch einmal zurück auf die Laser über Ferropolis und fragen uns: Verdammt, kann das Leben eigentlich noch schöner sein als in den vergangenen drei Tagen? Vermutlich nicht. Aber das nächste MELT! findet vom 15.-17. Juli 2011 statt. Be prepared. Fotos © Veronika Achatz Wertung von Flamingyouth:

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[Veronika Achatz 28-07-2010]
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