|
|
MASTERS OF REALITY
Live @ Lido Berlin, 07-10-2009
Oh my Goodness! Wie knarzig und wunderschön staubtrocken kann eine E-Gitarre eigentlich aus den Verstärkerboxen dröhnen? Und wie wohltuend kann es doch sein, wenn einer, der es versteht, auf der Bühne mit den Saiten mal wieder improvisiert bis einem die Ohren pfeifen, anstatt nur ein Standartset herunter zu schrubben. Dabei ging es den MASTERS OF REALITY eigentlich nie darum, sich selbstverliebt, geschweige denn opulent zu inszenieren. Unweigerlich steht nach dem Gig im Berliner "Lido" aber fest: Auftritte der MASTERS OF REALITY waren und bleiben zwingender Anschauungsunterricht für Jäger der Essenz des Zeitlosen im Rock'n'Roll.
Verantwortlich für die Einmaligkeit dieser Band ist freilich in erster Linie Frontmann Chris Goss. Der frisch gebackene 50-Jährige trug in den 90ern maßgeblich dazu bei, das KYUSS ihren legendär einmaligen Klang auf Platte bannen konnten. Seitdem dient der wohlbeleibte Dauer-Glatzkopf als Inspirationsquelle für die gesamte Desert-Rock-Szene. Trotz der Anerkennung, die er global als Produzent bekam, blieben ihm größere Erfolge mit seiner eigenen Band allerdings immer verwehrt. Mit einer frotteeähnlichen Schlapperhose, einem XXL-Hemd und einer modernen Mokassin-Variante an den Füßen schnallte er sich in Berlin die Gitarre auf der Bühne um, und wären da nicht das schwarze Bandana um den Kopf und sein auffälliger Goldschmuck, man hätte diesen Typen auf den ersten Blick einfach unterschätzen müssen. Aber über die Kategorie "sexy Rockstar" kann GOSS sicher nur lachen. Der Optik und seinem entrückten, leicht verschrobenen Bühnengebahren nach sieht er sich selbst wohl eher als eine Mischung aus Gitarren-Guru und Seeräuber. Soll er. Darf er. Denn GOSS kam nicht zum Schaulaufen, auch nicht zum Tanzen. Mit "Absinthe, Jim And Me" und "Dreamtime Stomp" starteten er und seine MASTERS - neben Langzeitdrummer John Leamy komplettierten diesmal Allround-Joker Matthias Schneeberger als Keyboarder und Paul Powell am Bass die Besetzung - mit Tracks des brandneuen Albums "Cross Dover / Pinne" ins Set. Das Publikum schaukelte sich immer begeisterter in die psychedelisch aufgeladene Atmosphäre des Konzertes hinein. Richtig angekommen war auch der Letzte schließlich, als Goss nach einer guten Dreiviertel Stunde die seit dem "Viper Room"-Live-Album (1997) legendäre Einleitung von "Doraldina's Prophecies" anstimmte. "Good Morning everybody", sprach er in die Nacht, bevor sich der unnachgiebige Groove dieses Stücks im Saal des ehemaligen Kreuzberger Kinos ausbreitete. Viele im Publikum reckten energisch die Fäuste im Takt, andere schloßen schlicht die Augen und tänzelten paralysiert und verzaubert. Nach dem Klassiker "Rabbit One" - lazy Blues von der Sorte, wie man ihn wohl nur angenehm bekifft zu Stande bringt - wurde Goss eine Akustikklampfe mit Standfuß bereit gestellt und Drummer John Leamy kam mit samt eines Mini-Keyboards an seine Seite. Mit berührender Intensität spielten die beiden nicht gerade schmächtigen Herren Seite an Seite die ruhigen Songs "Hey Diana" und "Lover's Sky". Wem das zu viel Gefühlsduselei war, wurde anschließend noch mit genügend echten MASTERS-Rockern entschädigt, inklusive einer unglaublich grandios daher gejammten Variante von "John Brown". Das Konzert endete mit einer Zugabe. "She got me" - rotzig, fantastisch, eigentlich ein perfekter Ausklang. Eigentlich. Wäre da nicht noch dieser eine Song gewesen, auf den alle immer warten und der noch dazu auch dieses Mal auf der Setlist der Musiker stand, extra für die Zugabe aufgehoben. Berlin musste an diesem Abend ohne "Blue Garden" auskommen, ging aber dennoch absolut nicht unglücklich nach Hause. Vielleicht ist es ja ein Zeichen, dass sich die MASTERS OF REALITY nicht schon wieder ein knappes Jahrzehnt Auszeit von der Bühne nehmen werden. Wertung von Flamingyouth:

| Wertung der Leser:
 6 Bewertungen
| |
[Bernd Skischally 07-10-2009]
|
|